Woran die Spielsachen merken, dass es Frühling wird!


„Haaach …“ Aus der Spielzeugkiste war ein lautes, trauriges Seufzen zu hören. Es war schon das zweite seit vor einer halben Stunde die Sonne aufgegangen und direkt wieder hinter schwarzen Wolken verschwunden war. „Haaaach“ – das Seufzen kam von einem bunten Ball, der ganz unten in der Spielzeugkiste versteckt lag unter einem Haufen von Bausteinen, Puppen, Kuscheltieren und vielem mehr. „Was ist denn los?“ fragte ein am anderen Ende der Kiste liegendes Frisbee in die Richtung, in der es den Ball vermutete.

„Was los ist?“, antwortete der Ball, „Dir muss es doch genauso gehen! Seit Wochen – nein, seit Monaten – liegen wir hier unten in der Spielzeugkiste und werden nicht ein einziges Mal zum Spielen rausgeholt. Ich glaube ich habe sogar schon Luft verloren und trotzdem kommt keiner, um mich mal wieder aufzupusten! Meinst du, sie haben uns vergessen? Meinst du, die Kinder wollen vielleicht nie wieder mit uns spielen?“ „Ach was!“, versuchte das Frisbee den Ball zu beruhigen, „Bestimmt werden die Kinder uns schon bald wieder herauskramen und mit in den Garten nehmen.“ Aber der Ball war nicht so schnell überzeugt und so konnte man bald schon wieder ein leises „haaach“ unter den Kuscheltieren hervortönen hören.

Später am Tag, als die Kinder in der Schule waren, beschloss ihre Mutter endlich mal wieder ein wenig Ordnung in das chaotische Kinderzimmer zu bringen. Sie räumte die Bücher in die Regale, sammelte die herumliegenden Spielsachen ein und leerte die gesamte Spielzeugkiste einmal aus, um sie dann wieder neu zu sortieren. Zufälligerweise kam dabei der bunte Ball ganz oben zu liegen. Darüber freute er sich natürlich riesig: „Das ist ja fabelhaft!“, rief er, „Hier können mich die Kinder gar nicht mehr übersehen! Jetzt müssen sie mit mir spielen wollen!“

In seiner neuen Position konnte der Ball aber nicht nur besser gesehen werden, er hatte auch selbst zum ersten Mal den vollen Überblick über das Kinderzimmer. Und während sein Blick so über die Regale und Wände strich, blieb er schließlich am Fenster hängen: Draußen begann es gerade aus dichten, grauen Wolken in dicken Flocken zu schneien. Bitterkalt sah es aus und ein kräftiger Windzug ließ die dürren, kahlen Bäume erzittern. „Was ist denn das?“, dachte der Ball bei sich, „als ich das letzte Mal dort draußen war, sah es doch ganz anders aus. Jonathan und Isabelle hatten mich im Garten hin- und her geworfen und alles war grün und hell und sonnig. Aber da draußen sieht es ja jetzt ganz fürchterlich ungemütlich aus. Ja, ich glaube fast, da will ich gar nicht raus zum Spielen.“

Als am Abend sowohl die Kinder als auch die anderen Spielsachen schliefen, lag der kleine Ball noch wach und dachte nach. Was war denn nur mit der Welt da draußen passiert? Würde denn dort nie wieder die Sonne scheinen? Würden die Kinder ihn nie wieder mit hinaus in einen grünen Garten nehmen können? Der Ball beschloss, erst einmal abzuwarten. Vielleicht würde sich ja noch alles zum Guten wenden.

Vier Wochen vergingen!

Er war inzwischen schon wieder an den Boden der Spielzeugkiste gewandert, lag dort unglücklich und luftleer herum und schwelgte in Erinnerungen an den warmen, grünen Garten. Doch eines Tages hörte er von dort unten die Stimmen der Kinder: „Endlich! Der Frühling ist da! Der Frühling, der Frühling! Lass uns nach draußen gehen und im Garten spielen!“

Frühling? Was war denn das? Der bunte Ball konnte sich unter diesem Begriff nichts vorstellen. Allerdings hatte er auch keine Zeit, um viel darüber nachzudenken, denn schon durchwühlte Jonathan die Kiste und griff nach ihm. Er zog den Ball hervor und hielt ihn hoch. Jetzt konnte der Ball wieder einmal aus dem Fenster sehen und entdeckte, dass an den kahlen Bäumen, die er das letzte Mal gesehen hatte, kleine grüne Blätter zu wachsen begannen. Und auch die dunklen Wolken waren verschwunden. Stattdessen erblickte der Ball die Sonne am hellblauen Himmel. Das Warten hatte sich also tatsächlich gelohnt.

Nachdem die Kinder den platten Ball wieder aufgepumpt hatten, rannten sie mit ihm unterm Arm die Treppe herunter und in den Garten. Dort begannen sie ihn hin und her zu werfen und rannten dabei lachend kreuz und quer über die Wiese. Der Ball war überglücklich. Und während er so vor dem blauen Himmel in der Luft schwebte, dachte er sich: „Das ist also der Frühling. Wenn die Welt vorher grau und kalt und ungemütlich war und dann wieder grün und warm und fröhlich wird, dann ist der Frühling gekommen.“